Zeitbanken

Aktuell zum BATT 2013:

Neues zu Vorsorge mit Zeitbanken
 

Auf eine kurze Rekapitulierung der Idee der Vorsorgezeitbank für Köln, die bereits auf dem BATT 2012 vorgestellt wurde, wird über den derzeitigen Stand und gewonnene Erkenntnisse berichtet.
Darauf folgt ein Bericht über den kürzlich erfolgten Besuch des Vereins „Daheim statt Heim e. V.“ in Westerstede, der eine Zeitbank zur Vorsorge in guter Zusammenarbeit von Stadtverwaltung, Politik und den regional ansässigen karitativen Einrichtungen betreibt.
Schließlich wird über die kürzlich in St.Gallen gegründete „Stiftung Zeitvorsorge“ berichtet, die als Tauschsystem von freiwilligen Hilfeleistungen zur Versorgung von bedürftigen Alten konzipiert ist und mit einer Zeitbank arbeitet (Cyclos). Dort sind die vornehmlichen Ziele die Sicherstellung der Versorgungssicherheit für die hilfsbedürftigen alten Menschen angesichts der demographischen Entwicklung und die Mobilisierung brachliegenden Hilfspotentials.
Karl-Heinz Kock

 

Vorbemerkung Die Idee, mit Zeitbanken fürs Alter vorzusorgen, stammt von verschiedenen Initiativen in Deutschland und Österreich.
Zu den drei Säulen gesetzliche Rente, betriebliche Rente und private Rente kommt die vierte Säule "Zeitanspar-Rente" hinzu, die das Leben im Alter absichern soll. In Deutschland arbeitet aktuell nur eine kleine Zahl von Zeitbanken. Die Modelle unterscheiden sich nur marginal.
Dieses Dokument beschreibt den aktuellen Stand der uns bekannten aktiven Zeitbanken, ihre Vorteile, die bestehenden Probleme und die mit der Idee verbundene Vision. Ergänzend bietet dieses Dokument einen Blick über den Tellerrand in andere Staaten der Europäischen Union.

Inhaltsverzeichnis Zeitbank-Modelle in Deutschland

Was ist eine Zeitbank?

 Eine Zeitbank ist in der Regel eine lokale Vereinigung zur Erbringung gegenseitiger Leistungen auf Grundlage einer geldlosen Tauschwirtschaft. Sie stellt eine organisierte Form der Nachbarschaftshilfe dar.
Im Unterschied zu Tauschringen besteht bei Zeitbanken die explizite Möglichkeit ein Ansparguthaben zur zusätzlichen Altersversorgung aufzubauen. Anders als in der Nachbarschaftshilfe werden erbrachte und beanspruchte Dienstleistungen durch Zeitbanken formal organisiert. Zeitbanken sind zwar dem Tauschhandel innerhalb von Tauschringen sehr ähnlich, schließen aber in der Regel den Handel mit Waren aus und beschränken sich damit auf den Tausch von persönlichen Diensten. In Deutschland lassen einige Zeitbanken und Tauschringe auch den Tausch von Gegenständen gegen Dienstleistungen zu, wenn sich Anbieter und Nachfrager über den Gegenwert an Zeiteinheiten einig werden (z.B. Kinderfahrrad gegen Garten umgraben).
Die Zeitbank selbst ist grundsätzlich ein Austauschsystem von Dienstleistungen ohne Geldvergütung und ohne Gewinnabsicht. Maßstab („Währung“) für die Verrechnung von Leistungen ist allein die aufgewandte bzw. in Anspruch genommene Zeit (= Lebenszeit der Mitglieder), unabhängig von Inhalt oder Ergebnis der Dienstleistung. Hat ein Mitglied Leistungen empfangen, gewährt es die Gegenleistung nicht unbedingt dem selben Dienstleister zurück, sondern kann diese auch gegenüber anderen Mitgliedern der Zeitbank erbringen. Geld ist meist nur für die Vergütung von belegbaren Spesen zugelassen. Deren Rahmen muss im voraus zwischen den beiden Mitgliedern geklärt werden.
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Funktionsweise

Erbrachte Leistungen werden dem Leistung erbringenden Mitglied auf dessen „Zeitkonto“ (ähnlich einem Bankkonto) gutgeschrieben. Das Konto des Leistung empfangenden Mitglieds wird mit einem entsprechenden negativen Betrag (= Zeitschuld) belastet. Diese Belastung muss durch zu erbringende Dienste ausgeglichen werden. Ein möglichst ausgeglichenes Zeitkonto wird angestrebt. Diese Zeitgutschriften können gegen Dienstleistungen anderer eingetauscht werden (z.B. Babysitten gegen Nachhilfe).
Die Zeitguthaben werden nicht verzinst, können nicht zur Kapitalvermehrung verwendet werden und bleiben dem Tauschkreislauf erhalten.
Um die Möglichkeiten einer Zeitbank zu nutzen, ist eine Mitgliedschaft Voraussetzung. In der Regel ist diese Mitgliedschaft mit einer geringen Jahresgebühr oder einem Mitgliedsbeitrag verbunden. Diese Gelder werden für den Betrieb des Systems und einer Minimalversicherung für die Mitglieder eingesetzt. Bei Eintritt wird angegeben, welche Dienste das Mitglied anbieten will. Diese werden über eine Datenbank gelistet und bei Bedarf von anderen Mitgliedern abgefragt. Die Angebote können jederzeit verändert werden und die Mitglieder können im Einzelfall entscheiden, ob sie den Dienst zum gewünschten Zeitpunkt erbringen möchten.
Etliche der bestehenden ca. 400 Tauschsysteme in Deutschland und auch einige Genossenschaften betreiben bereits solche Zeitbanken. Nehmen und Geben von als gleichwertig angesehenen Dienstleitungen und/oder Objekten ohne Verwendung von Geld als Tauschmittel ist dort selbstverständlich. Zum Inhaltsverzeichnis

Mal ganz praktisch

Die einfachste Form einer Zeitbank sind Zeitgutschriften in Papierform, oft Talente genannt. Das funktioniert bereits gut in einer kleinen Tauschgemeinschaft, wo sich die Mitglieder untereinander kennen. Wenn die Teilnehmerzahl größer ist, bietet sich die Verwendung einer computerbasierten Datenbank an, insbesondere dann, wenn über verschiedene Zeitbanken oder Tauschringe hinweg getauscht werden soll.
Über Clearingstellen können Zeitguthaben sogar von einer zur anderen Organisation übertragen oder verrechnet werden. So können Mitglieder eines solchen Systems ihr Konto bei einem Umzug auch an den neuen Wohnort übertragen lassen. Zum Inhaltsverzeichnis

Zeitbanken als Vorsorge-Modell

Beim Modell der Vorsorge-Zeitbank ist dieser Markt, wie beispielsweise bei Fureai Kippu in Japan, deutlich enger gefasst und beinhaltet nur alle Tätigkeiten, die es den Menschen erlauben, so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben zu können, bevor die Pflegebedürftigkeit zu groß und die Unterbringung in einem Pflegeheim unumgänglich wird. Dieser Markt hilft insbesondere bedürftigen Menschen, die zu arm sind, um sich die notwendigen Dienstleistungen auf dem Geldmarkt einkaufen zu können. Die professionelle medizinische Versorgung und Pflege wird dabei weitgehend ausgenommen, weil diese von Fachkräften, die durch Kranken- und Pflegeversicherung finanziert werden, gewährleistet bleiben soll.
Aufgewendete Zeiten für nachbarschaftliche Hilfeleistungen können auf Zeitkonten angespart werden, um diese später, wenn man selbst Hilfe braucht, gegen Hilfeleistungen der gleichen Art zurück zu tauschen. Das kann auch als ein über viele Jahre zeitversetzter Tausch angesehen werden.
Eine Vorsorge-Zeitbank ist ähnlich der gesetzlichen Rente ein Umlageverfahren, nur mit Zeit anstelle von Geld als Währung. Erworbene Zeitguthaben können an andere Personen (Verwandte, Freunde, Bekannte) verschenkt werden, wenn man sie selbst nicht benötigt (weil man z.B. über genügend eigenes Einkommen verfügt). Zusätzlich sollte eine Vorsorge-Zeitbank ein Sozialkonto besitzen, in das nicht selbst benötigte Zeitguthaben transferiert werden und aus dem Bedürftige Zeitguthaben gespendet bekommen können, wenn sie selbst (noch) keine Guthaben ansammeln konnten. Zum Inhaltsverzeichnis

Vorteile von (Vorsorge)-Zeitbanken

Es gibt keine Inflation (Wertverfall), eine Stunde (Lebenszeit) bleibt immer eine Stunde. Weil nur Zeit als Verrechnungseinheit verwendet wird, gibt es keine komplizierte (Renten-) Formel wie bei der gesetzlichen Rente, die bereits mehrfach ohne Mitwirkungsmöglichkeit der Einzahler von der Politik nach Kassenlage angepasst wurde.                 
Verbesserung der Vorsorgesituation insbesondere für die armen Hilfsbedürftigen, ohne die öffentliche Hand finanziell zu belasten. Sie wäre die „Vierte Säule der Altersvorsorge“. Sie ist außerdem ein transparentes und selbstbestimmtes System. Abmilderung des Vorsorgeproblems in der Zukunft mit dramatisch anwachsender Zahl von Grundsicherungsempfängern durch die demographische Entwicklung und anhaltenden Rückgang des Lohnniveaus.          
Entlastung des schlechten Gewissens der MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen, die die von den Kassen bezahlten professionelle medizinische Versorgung und Pflege leisten und den Bedürftigen darüber hinaus die notwendige menschliche Zuwendung nicht geben können. Die unterschiedlichsten Hilfsorganisationen, Wohlfahrts-verbände und Vereine, die nachbarschaftliche Dienstleistungen anbieten, können ein gemeinsames System verwenden, das untereinander und regional Transparenz für Angebote und Nachfragen schafft und die Versorgung damit insgesamt wirkungsvoller gestaltet. Zum Inhaltsverzeichnis

Hindernisse und Probleme

Zeitbanken haben sich, noch weniger als Tauschringe, etablieren können. Das hat in Deutschland vor allem juristische Gründe. Ausgehend von der Tauschringthematik wird allen auch nur entfernt ähnlichen Organisationen seitens der Finanzbehörden automatisch eine generelle Gewinnerzielungsabsicht und die Beschaffung geldwerter Vorteile für ihre Mitglieder unterstellt. De facto dürfte aber in fast allen Tauschringe die als gemeinnützig einzustufenden Vorgänge deutlich über der 60 % und bei allen Zeitbanken zu annähernd 100 % als gemeinnützig einzustufen sein.
Wenn seitens der Politik hier eine Änderung erfolgt, würde die Akzeptanz und Nutzung sicher stark ansteigen.
Dazu müssten einige juristische Grundlagen verändert werden, Geld würde das aber kaum kosten: Für das Ansparen von Zeiteinheiten innerhalb von Zeitbanken und Tauschringen als Pflegesparmodell bzw. Vierte Säule der Altersvorsorge ist eine Steuerfreistellung bis zu einer jährlichen Gesamtzeit von 400 Std. sinnvoll. Dies begründet sich in der zunehmenden Schwierigkeit, zukünftig Pflegeleistungen und ausreichende Alterssicherung für alle noch bewältigen und in Euro finanzieren zu können. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit für Erwerbslose, Ihre freie Zeit für die Sicherung Ihres eigenen Lebensabends zu investieren und sich ggf. in neuen Bereichen beruflich zu qualifizieren. Ferner wird die Gefahr, Sozialfälle im Alter zu produzieren, vermindert. Zeitbanken und Tauschringe müssen daher wie alle anderen gemeinnützigen Vereine mit wirtschaftlichem Zweckbetrieb behandelt werden. Beispiel: viele Selbsthilfevereine im Bereich der Behindertenselbsthilfe betreiben selbst ambulante Hilfsdienste für ihre Mitglieder. Die Einnahmen und Überschüsse daraus finanzieren dabei z.B. die kostenlosen Beratungsangebote solcher Vereine und machen die gemeinnützige Arbeit überhaupt erst möglich. Zum Inhaltsverzeichnis

Daten, Zahlen, Statistik

Auf dem Bundes-ArbeitsTreffen der Tauschringe 2012 (BATT-2012: http://www.batt-online.de/) hat man sich in einem ersten Schritt darauf geeinigt, die deutschen Tauschringadressen auf der Homepage http://tauschringadressen.de gemeinsam zu aktualisieren und zu pflegen. Diese Liste ist noch nicht komplett und aktuell, da bisher nicht alle Tauschringe ihre Daten dort eingeben und/oder aktualisieren. Dies gilt auch für die dort angegebenen Mitgliederzahlen. Die Anzahl der Mitglieder und deren jährliche Tauschleistung lässt sich daher zur Zeit nur schätzen. Bei ca. 400 Tauschringen mit durchschnittlich 100 Mitgliedern ergibt sich eine geschätzte Gesamtzahl von 40.000 Mitgliedern. Stichproben ergeben, dass pro Mitglied und Jahr durchschnittlich 10 Zeitstunden getauscht werden. So entstehen hier ca. 400.000 Leistungsstunden pro Jahr. Zum Inhaltsverzeichnis

Bestehende Zeitbanken und Tauschringe mit Vorsorgezeitkonten

München: http://www.zeitbank.net ; Westerstede (Ammerland): www.Daheim-statt-Heim-Wst.de ;Eggesin(Mecklenburg-Vorpommern): www.Zeitbank-Vorpommern.de ; Marktoberdorf (Allgäu): www.zeitbank-marktoberdorf.de ; Winterberg-Hallenberg-Bromskirchen (Sauerland): www.Wir-Fuer-Uns-Buergerhilfe.de ; Zeitbank Thüringen e.V. in Erfurt: www.zeitbank-thueringen.de Zum Inhaltsverzeichnis

Beispiele aus anderen Ländern

 

Großbritannien

Der reziproke Austausch von Dienstleistungen und Gefälligkeiten wird vom Gesetzgeber ausdrücklich gefördert und ist steuerbefreit. Ausgenommen hiervon sind Tausch-Schemata, die auch mit Waren handeln. Sofern allerdings kein Austausch von Materialien erfolgt, ist jegliche Form von Zeittausch, inkl. des Ansparens von Zeitguthaben etc. steuerfrei. Dies wurde in mehren Debatten des Parlaments beschlossen und ist im sogenannten "Hansard" nachzulesen. (siehe auch http://www.parliament.uk/searchttp://wwh/results/?q=timebanking ) Die rechtliche Situation der Tauschringe und Zeitbanken als Organisationen ist daher einfacher als in Deutschland. Vom Status her sind aktuell die meisten Charities (Wohltätigkeitsorganisationen) steuerbefreite Ltd's. (gemeinnützige GmbH's). Die Vorstände (board of trustees) müssen strenge rechtliche Regeln einhalten, sodass der Verwaltungsaufwand ungefähr dem einer Firma mit angehängtem Verein / Stiftung gleichkommt. Die Vorteile sind hoch: Möglichkeit der Teilnahme an Ausschreibungen gemeinnütziger Fördergelder, reduzierte Steuerausgaben für Angestellte etc., reduzierte Versicherungsprämien, die Möglichkeit Spendenquittungen auszustellen usw.. Auch Versicherungen, in Großbritannien von Haus aus dem Kapitalismus verpflichtet, haben im Bezug auf Zeitbanken eine soziale Ader entwickelt und die Prämien innerhalb der letzten 10 Jahre drastisch gekürzt. Bei einigen Organisation sind die Prämien um ca. 500 % gesunken! Dies auch vor dem Hintergrund, dass seit Jahren bei allem Austausch von nachbarschaftlicher Hilfe kein einziger Versicherungsfall aufgetreten ist. Zusammenfassend ist zu sagen, dass der britische Staat die Chance erkannt hat, durch Tauschringe und Zeitbanken das Leben seiner Bürger zu verbessern, ohne dafür Geld auszugeben (sofern man die ausfallenden Steuereinnahmen nicht als Ausgaben wertet). Zeitbanken und Tauschringe sind in Großbritannien landesweit organisiert. Der letzte Stand von ausgetauschter Zeiteinheiten ist: knapp unter 25.000 Mitglieder in 305 Zeitbanken und Tauschringen haben 1,8 Mio Stunden ausgetauscht. Weitere Informationen unter www.timebanking.org oder www.fairshares.org.uk
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Österreich

Talente-Tauschkreis Vorarlberg, Verein für organisierte Nachbarschaftshilfe, Weidenweg 2, 6850 Dornbirn Zeitvorsorge - so sicher und beständig wie die Zeit Der Talente-Tauschkreis Vorarlberg entwickelte ein aktives Vorsorgemodell, bei dem die Zeit als Wertmaßstab und Verrechnungseinheit dient: Wer Pflege- und Betreuungsarbeit leistet, kann diese Stunden fürs eigene Alter ansparen oder im Rahmen des Talente- Tauschkreises sofort konsumieren. Statt Vertrauen ins Geld setzen die Vorarlberger auf Vertrauen in die Gemeinschaft. Für eine erbrachte Stunde Leistung werden 100 Talente gutgeschrieben. Alternativ kann die Stunde auch geteilt werden – dann erhält das Mitglied 50 % Talente und 50 % des vereinbarten Stundensatzes in Euro. Die Talente sind an die Zeit (Stunde) gebunden. Die Wertsicherung auf Zeitbasis bewirkt, dass 100 Talente auch in 20, 40 und mehr Jahren noch eine Stunde wert sind. Der Tauschkreis Vorarlberg arbeitet in der Umsetzung des Modells eng mit Trägereinrichtungen für Pflege- und Betreuungsdienste zusammen, wobei auf die Einbindung der Gemeinden geachtet wird. Das Pflegesparkonto ist nach oben hin mit 50.000 Talenten begrenzt und kann nicht ins Minus geführt werden. Weiter Informationen: www.talentiert.at/uploads/media/zeitvorsorge_handoutneu.pdf
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USA

MORE, Grace Hill, St.-Louis (USA) (Member Organised Resource Exchange) The Heart of Grace Hill Übersetzung einer Beschreibung von Karen Hill aus dem Jahr 1997 (MORE gibt es immer noch. Die Organisation hat inzwischen über 100.000 Mitglieder.
Aktuelle Informationen und Daten finden Sie hier: www.gracehill.org/content/about.php) MORE, Grace Hill, St.-Louis (USA) (Member Organised Resource Exchange) MORE ist ein Tauschsystem, das schon seit 1981 in St.-Louis besteht. Schon vom Umfang her lässt es sich mit deutschen Tauschringen nicht ohne weiteres vergleichen: es hat inzwischen (1997!) mehr als 15.000 Mitglieder. Außerdem hat es viele weitergehende soziale Funktionen als die in deutschen Zeitbanken oder Tauschringen bekannten. Das mag sicher auch damit zusammenhängen, dass es in den USA so etwas wie ein soziales Netz von Staats wegen nicht gibt. Ähnlich wie hier in deutschen Zeitbanken oder Tauschringen, funktioniert MORE auf der Basis einer Verrechnung von Zeit gegen Zeit, d. h. auch dort wird von der Gleichwertigkeit der Zeit und der Menschen ausgegangen. Große Unterschiede gibt es aber in der Organisation und dem Umfang der Dienstleistungen. In St. Louis wird großer Wert auf die Bildung von Gemeinschaft gelegt. Es gibt lokale Gruppen (Stadtteilbezogen) mit jeweils einer/m Gruppenleiter/in, der nicht nur die Koordination von Dienstleistungen übernimmt, sondern auch gemeinsame Aktivitäten organisiert und die Teilnehmer beim Tausch von Leistungen unterstützt und motiviert. Darüber hinaus ist MORE in ein umfassendes System von Hilfeleistungen für Notfälle eingebunden und arbeitet u. a. mit der Kirche und vielen anderen Institutionen zusammen. So kann MORE z.B. auch Hilfe ohne Gegenleistung gewähren, wenn Mitglieder unverschuldet in akuten Notfälle geraten (z.B. Sperre von Strom und Heizung, nichts zu essen, Rausschmiss aus der Wohnung u. v. m.). Es gibt in jedem Bezirk der Stadt St. Louis eine speziell geschulte Person, die Ansprechpartner/in für solche Fälle ist und die Organisation der Hilfsleistung übernimmt. Es gibt bei MORE auch die Möglichkeit, sich Talent-Guthaben anzusparen für den Fall, dass man zu einem späteren Zeitpunkt hilfsbedürftig wird (Alter, Krankheit, Behinderung). Andererseits ist z. B. die Einbindung älterer Menschen ein wichtiger Schwerpunkt der Organisation. Man versucht, ihre Fähigkeiten besonders stark nachzufragen. Das bedeutet nicht nur die Bewahrung der Selbständigkeit für ältere Menschen, sondern auch Anerkennung und soziale Kontakte. Über die üblichen Funktionen eines Tauschrings hinaus bietet MORE weitere Dienste und Unterstützung für seine Mitglieder an: Familienhilfe, Hilfe bei Wohnungssuche, Gesundheitserziehung, Erwachsenenbildung, Jobsuche. Da inzwischen auch viele Geschäfte und sogar eine Bank in das System eingegliedert sind, können die Mitglieder über das System einen relativ großen Teil ihrer Bedürfnisse abdecken. Positiv fällt dabei die Förderung von Eigeninitiative und Gemeinsinn auf. Es kann sein, dass ein solches System nicht unbedingt 1:1 auf uns übertragbar ist, da die amerikanische Gesellschaft in wesentlichen Punkten anders ist als unsere. Dennoch ist MORE ein gutes Beispiel dafür, was alles möglich ist, um Lebensqualität zu erhalten, auch wenn man durch Geldmangel, körperliche Einschränkungen oder soziale Benachteiligungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Zum Inhaltsverzeichnis

Danke

Informationen für dieses Dokument wurden zur Verfügung gestellt von: Karl-Heinz Kock (Köln), Martin Schmidt-Bredow (München), Klaus Reichenbach (Kassel), Andreas Weide (Time Banks UK), Talente-Tauschkreis Vorarlberg. Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Reichenbach Zum Inhaltsverzeichnis

Den kompletten Text in einer PDF Version zum Download finden Sie hier:

/data/_uploaded/file/Zeitbanken_aktuell_Januar_2013.pdf

Veröffentlicht am 03/14/2013, 13:49:47.
Zultzte geändert am 09/02/2013, 19:59:56.